Jungvogel in Not?

„Einsam und verlassen“: Jungvögel in Not?

Vor allem in den Monaten  April bis Juli klingeln die „Sorgentelefone“ in den Geschäftsstellen der Naturschutzverbände oder auch bei bekannten Vogelkundlern besonders oft. Der Grund: Besorgte Mitbürger finden scheinbar aus dem Nest gefallene und „völlig hilflose Jungvögel“, sammeln sie auf und wissen nun aber nicht so recht, was sie mit den piepsenden Geschöpfen anfangen sollen. Da liegt es für viele nahe, sich an die Experten zu wenden.

Vögel in Ruhe lassen

In den allermeisten Fällen ist die Sorge jedoch völlig unberechtigt. Denn bei fast allen Arten verlassen die Jungvögel vor Erreichen der richtigen Flugfähigkeit das Nest und werden dann noch einige Zeit von den Eltern in der Umgebung des Nests mit Nahrung versorgt, bis sie vollständig flugfähig und selbständig sind. Da sie eben noch nicht richtig fliegen können, sehen die Jungen ein bisschen hilflos aus, was sie aber in der Regel nicht sind. Sollte der Jungvogel also schon befiedert sein, besteht normalerweise kein Grund zur Sorge.

Deswegen sollte man die Jungvögel unbedingt erst einmal in Ruhe lassen. Will man jedoch auf Nummer sicher gehen, kann man  aus der Ferne beobachten, ob die Jungen versorgt werden. Denn oft warnt schon der Altvogel in der Nähe und wartet nur, bis die Störung (also Sie) wieder weg ist und er wieder zu seinem Nachwuchs fliegen kann. Aber auch wenn keine Altvögel in der Nähe zu beobachten sind, bedeutet das noch lange nicht, dass die Jungvögel verlassen sind. Die größte Hilfe für den Vogel ist erst einmal, wenn Sie sich vom Ort entfernen. Nur in ganz wenigen Fällen ist ein Eingreifen nötig: Sollte ein flügger Jungvogel in einen Schacht gefallen sein, auf der Straße oder sonst an einem gefährlichen Ort sitzen, reicht es in der Regel vollkommen aus, wenn man ihn behutsam an einen nahe gelegenen geschützten Fleck versetzt. Niemals sollte man Jungvögel mitnehmen. 

Ist der Jungvögel allerdings noch unbefiedert oder hat nur sehr wenige Federn, so ist das nicht normal, hat aber dennoch oft seinen biologischen Grund: Nesthäkchen oder kranke Jungvögel werden von den Eltern beseitigt. Das ist zwar für uns grausam, aber „die Natur“ hat das fest eingeplant. Denn man muss sich vor Augen führen, dass die Natur einen großen Überschuss produziert. Folgendes, stark vereinfachtes Rechenbeispiel: Kohlmeisen legen im Schnitt ca. 10 Eier, aus denen ca. 6 Junge ausfliegen. Eine mögliche Zweitbrut lassen wir hier einmal außen vor. Multipliziert man dies mit der Anzahl an Jahren, die ein Weibchen durchschnittlich im Leben zur Brut schreitet (nur ca. 1,6 Jahre – viele Vögel, v.a. kleine Singvögel sind sehr kurzlebig) , so macht das knapp 10 Jungvögel im Leben einer Meise. Langlebige und produktive Meisen haben vielleicht sogar 20 und mehr Nachkommen. Wenn nur zwei Individuen dieser großen Kinderschar selbst irgendwann zur Brut schreiten, hat das Elternpaar sein Plansoll, nämlich sich fortzupflanzen, erfüllt. Die anderen erfüllen andere wichtige Aufgaben im Naturhaushalt, z.B. als Nahrung für andere Tiere.

Deswegen sollte man auch solche Jungvögel der Natur überlassen und NICHT mitnehmen. Die Überlebenschance ist auch eher gering.

Wenn nun doch einmal das Mitleid über die Vernunft siegt, muss man sich dessen bewusst sein, dass nun einiges an Arbeit auf den Vogelfreund wartet und dass man letztendlich doch nicht allen Bedürfnissen eines heranwachsenden Vogelbabys gerecht wird. Alle halbe Stunde (außer nachts) will der kleine Nimmersatt versorgt werden. Neben fertigen Futtermischungen und Mehlwürmern (beides im Zoohandel erhältlich), kann dem gefiederten Nachwuchs fürs Erste auch ein Gemisch aus Magerquark, Hackfleisch und gekochtem Ei mit einem abgerundeten Holzstäbchen - notfalls mit „sanfter Gewalt“ - verabreicht werden. Auch sollte man an den Durst der Kleinen denken und diesen einige Tropfen Wasser mit einer Pipette einflößen. Und generell: nie Gesalzenes verwenden. Außerdem muss ggf. eine Wärmelampe installiert werden, wenn das Junge noch sehr klein ist.

Insgesamt darf man sich aber auch da nichts vormachen: Die Vogelaufzucht kann – vor allem, wenn man unerfahren ist – scheitern (da er ja ohnehin evtl. schon krank war), außerdem kann der „aufgepäppelte“ Nachwuchs zeit seines Lebens eine Fehlprägung haben und unter Umständen keine normalen Verhaltensweisen an den Tag legen.

Wer wirklich etwas Gutes für Singvögel im Garten machen möchte, sollte im Garten oder ums Haus herum auf den Einsatz von Spritzmitteln verzichten, Nisthilfen bereitstellen, heimische Sträucher pflanzen und „Öko-Ecken“ einrichten bzw. zulassen - Bereiche mit reduzierter Pflege. Hier finden die Jungvögel ein stilles Eckchen und auch die Eltern haben es bei einem reichen Insektenvorkommen leichter, für Nahrung zu sorgen.

- Michael Schmolz -

Sollte dennoch einmal Hilfe notwendig sein, hier finden Sie weitergehend Informationen:

Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler e. V.  Mauerseglerklinik der Deutschen Gesellschaft für Mauersegeler e. V.

 
 
 
 
 
 
Internetseite der Wildvogelhilfe  wildvogelhilfe.org
 
 
 
 
 
 
 
Adressen von Vogelauffang- und Pflegestationen. Hier finden Sie eine Übersicht von Vogelauffangstationen und Vogelpflegestationen.
 

 

 

 

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