Praxis

Naturschutz heißt Anpacken

Erfolgreicher Naturschutz bedarf neben dem rechtlichen Schutz von Arten und deren Lebensräume auch praktischer Arbeiten. Viele Lebensräume in unserer Kulturlandschaft sind unter langjähriger Nutzung durch den Menschen entstanden. Solche Lebensräume können auch nur durch diese oder ähnliche Nutzungen oder durch eine entsprechende Pflege erhalten werden. Dabei ist eine nachhaltige Nutzung ("Schutz durch Nutzung") immer einer - oftmals aufwändigen - Pflege vorzuziehen.

Eine kleine Entwicklungsgeschichte

Noch zu geschichtlicher Zeit waren unsere Wälder und die Auen sicherlich wesentlich lichter als unser heutiges Waldbild vermuten lässt. Der Europäische Biber (Castor fiber) - der Landschaftsgestalter schlechthin - war an allen großen Gewässern zu finden. Große Herden von Wisenten (Bison bonasus), Auerochsen (Bos primigenius) und Wildpferden (Equus ferus) hatten höchstwahrscheinlich einen ähnlich großen gestaltenden Einfluß auf die urzeitliche Landschaft (Megaherbivorenhypothese). Stürme, Waldbrände, Insektenfraß und andere Katastrophen haben immer schon große Lichtungen in den Wäldern entstehen lassen, die dann unter dem Einfluss großer Weidetiere oft über lange Zeiten offenen gehalten wurden. So entstanden wahrscheinlich lichte und sehr artenreiche Wälder mit einem Mosaik aus Bäumen, Gebüschen und Wiesen, von denen wir uns heute kaum eine Vorstellung machen können. Dann siedelten sich Menschen an. Sie jagten nach Wild, ernteten Brennholz, legten Äcker an, domestizierten erste Haus- und Weidetiere und nutzten die Wälder und Wiesen für dieses Vieh. In warmen steilen Hängen pflanzten sie Reben. Sie legten Streuobstwiesen an. Auch unsere Obstbäume, wie z. B. der Apfelbaum (Malus domestica), wurden bereits sehr früh aus Wildarten kultiviert. Ob die einheimische Wildart, der Holzapfel (Malus sylvestris), zu den Eltern des Kulturapfels gehört ist nicht sicher belegt. Der Holzapfel ist mittlerweile in unseren Wäldern recht selten geworden. Denn auch er benötigt lichte Wälder, oft an feuchten Standorten, so z. B. in den Auen unserer Flusstäler.

Durch die Kultur des Menschen blieb die Struktur der ursprünglichen Landschaft über die Jahrhunderte erhalten. Mit zunehmender Besiedlung verdrängten die Menschen im Laufe der Zeit die wilden großen Weidetiere. Andererseits fanden zahlreiche Pflanzen und Tiere in der nun durch den Menschen geprägten Kulturlandschaft geeignete Lebensräume.

Kulturlandschaft Mittelrhein / Grafik: Bernhard Speh

Streuobstwiesen und auch die alten Hutewälder sind somit nur Ersatzgesellschaften, wahrscheinlich auch nur annähernd so artenreich wie die in der ursprünglichen Landschaft natürlich entstandenen Wälder. Unter den heute zu findenden Biotopentypen gelten die Hutewälder und Streuobstwiesen mit zu den artenreichsten Lebensräumen.

Das heißt, ohne eine Nutzung oder eine entsprechende Pflege solcher durch Menschenhand entstandenen Biotope, sei es durch Beweidung oder Mahd bzw. eine entsprechende Pflege der Obstwiesen und anderer Biotope, werden solche Ersatzlebensräume verbuschen und sich zu einem geschlossenen Wald entwickeln, mit entsprechend negativen Einfluss auf viele schutzbedürftige Arten. Daher ist eine richtige Pflege dieser Biotope eine Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Naturschutz.

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