„Einsam und verlassen“: Jungvögel in Not?

Junge Amsel. Sie wartet geduldig, bis sie wieder von den Eltern gefüttert wird (Foto: M. Schmolz)

In diesen Tagen klingeln die „Sorgentelefone“ der Naturschutzverbände besonders oft: Tierliebe Mitbürger sammeln scheinbar „völlig hilflose“ Jungvögel auf und mutmaßen, sie seien aus dem Nest gefallen. Doch dieser Schluss ist in den allermeisten Fällen falsch. Naturschützer bitten deshalb eindringlich: Jungvögel nie mitnehmen, sondern höchstens an einen geschützten Platz setzen.

„Bei fast allen Arten verlassen die Jungvögel vor Erreichen der richtigen Flugfähigkeit das Nest“, erläutert Michael Schmolz, Ornithologe und Geschäftsführer der GNOR. Diese werden dann noch einige Zeit von den Eltern in der Umgebung des Nests versorgt, bis sie selbständig sind. Die Kleinen pflegen lautstark zu piepsen, aber nicht aus Verlassenheit, sondern, um wie gewohnt Futter von den Eltern zu erbetteln und auf ihren Standort aufmerksam zu machen. Vater und Mutter sind im Hintergrund durchaus präsent, bleiben aber gut versteckt. Mitunter kommt es auch vor, dass Jungvögel absichtlich von den Eltern aus dem Nest verstoßen werden, dann aber aus einem biologisch durchaus richtigen Grund, etwa, wenn sie krank oder schwächlich sind. „Die meisten Arten ‚produzieren’ einen teilweise großen Überschuss an Nachkommen. Deshalb ist es normal, dass viele nicht überleben und ihrerseits als Nahrung für andere dienen. Das ist von der Natur aus so eingeplant und normal, aber für uns Menschen oft etwas grausam und emotional schwer nachvollziehbar“, sagt Schmolz.

Er rät deshalb:

- Jungvögel auf keinen Fall mitnehmen! Die Eltern lassen ihren Nachwuchs keineswegs im Stich.

- Jungvögel höchstens aus "Gefahrenzonen" an einen geschützten Ort in der Nähe tragen oder auf einen Ast setzen. Dass die Vogelkinder nach menschlicher Berührung verstoßen werden, ist ein Gerücht.

Denn: Jungvögel großziehen ist eine aufwendige und oft nicht von Erfolg gekrönte Aufgabe: Je nach Art müssen die Jungen etwa alle halbe Stunde (außer nachts) versorgt werden. Und meistens zeigen die von Hand aufgezogenen Jungvögel später dann auch kein normales Verhalten.

Viel besser ist es, im Garten oder ums Haus herum auf den Einsatz von Spritzmitteln zu verzichten und „Öko-Ecken“ einzurichten, Bereiche mit reduzierter Pflege. Hier finden die Jungvögel ein stilles Eckchen und auch die Eltern haben es bei einem reichen Insektenvorkommen leicht, für Nahrung zu sorgen. „Das kommt dann allen Vögeln zugute“, so Schmolz.

Go to top